Chemotherapie und blutbildendes System


Eine Nebenwirkung der Chemotherapie ist die Schädigung des blutbildenden Systems, das sich im Knochenmark befindet. Die Ursache hierfür ist, dass die Chemotherapie nicht nur die Tumorzellen angreift, sondern auch alle anderen sich schnell teilenden Zellen des Körpers. Hierzu gehört auch das blutbildende System. Das Ausmaß der Schädigung richtet sich zum einen nach den in der Chemotherapie zum Einsatz kommenden Substanzen, zum anderen aber auch nach Risikofaktoren des Patienten. So haben beispielsweise ältere Patienten und Patienten, bei denen es sich nicht um die erste Chemotherapie handelt, ein höheres Risiko.


Das blutbildende System

Eine Schädigung des blutbildenden Systems zeigt sich als erstes durch einen Rückgang der Anzahl der weißen Blutkörperchen (Leukozyten), da diese aufgrund ihrer geringen Lebensdauer (wenige Tage) ständig neu gebildet werden müssen. Die weißen Blutkörperchen werden noch in verschiedene Untergruppen unterteilt, wobei die sogenannten neutrophilen Granulozyten die wichtigste Rolle bei der Abwehr von Bakterien, aber auch von Pilzen und Viren spielen.


Die Aufgabe der neutrophilen Granulozyten ist es, die in den Körper eingedrungenen Erreger unschädlich zu machen, indem sie diese gewissermaßen auffressen. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, patroullieren diese Zellen ("Fresszellen") durch den Körper. Jede dieser Zellen kann aber nur einmal zum Einsatz kommen und muss danach ersetzt werden. Dies erklärt auch die kurze Lebensdauer dieser Zellen und die hohe Rate der Neubildung im Knochenmark. Es werden pro Minute etwa 100 Millionen dieser Zellen neu gebildet.


G-CSF

Die Anzahl der neutrophilen Granulozyten, die ein Mensch hat, wird, wie die Anzahl anderer Zellen auch, durch den Körper ständig kontrolliert. Tritt eine Infektion auf, so muß die Anzahl der neutrophilen Granulozyten erhöht werden, damit eine wirkungsvolle Immunantwort ausgelöst werden kann. Die Erhöhung der Anzahl dieser Zellen wird durch einen Wachstumsfaktor gesteuert, der die Vorläuferzellen im Knochenmark anregt, die benötigten Zellen vermehrt zu bilden. Die Funktion und Wirkungsweise dieses Wachstumsfaktors ist ähnlich der von Hormonen.


Wachstumsfaktoren werden im englisch-sprachigen Raum als "Kolonie-stimulierende"-Faktoren (colony-stimulating factor) bezeichnet, wovon sich die Abkürzung CSF herleitet. Die Bezeichnung als "Kolonie-stimulierende"-Faktoren rührt aus Versuchen her, bei denen in einem bestimmten Nährmedium gehaltene einzelne Vorläuferzellen durch diese Faktoren zu Zellkolonien heranwachsen können. Es gibt für verschiedene Zellen mit unterschiedlichen Funktionen verschiedene Wachstumsfaktoren. So hat der Körper die Möglichkeit einzelne Zellpopulationen gezielt zu regulieren.


G-CSF und Chemotherapie

In Verbindung mit einer Chemotherapie ist es besonders wichtig, den Patienten die körpereigene Immunabwehr (durch die neutrophilen Granulozyten) zu erhalten, bzw. die Zeit, in der die körpereigene Abwehr geschwächt ist, möglichst kurz zu halten. Der hierfür benötigte Wachstumsfaktor ist der G-CSF (Granulozyten-Kolonie-stimulierender Faktor). G-CSF ist ein körpereigenes glykosyliertes Protein.


Es ist seit einigen Jahren möglich, dieses Protein in der Form herzustellen, in der es auch beim Menschen vorliegt (human-identisch). Hierdurch ist es möglich, diesen Wachstumsfaktor als Medikament einzusetzen.


Eingesetzt wird der G-CSF entweder als Prophylaxe, das heißt vorbeugend, wenn bei einer bestimmten Therapiesituation die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass ein starkes Absinken der neutrophilen Granulozyten eintritt oder aber therapeutisch, wenn der Wert der neutrophilen Granulozyten schon sehr niedrig ist.


Blutbild

Die Anzahl der Leukozyten und der neutrophilen Granulozyten wird durch Auszählen im Rahmen eines Blutbildes bestimmt. Gesunde Menschen haben etwa 9000 neutrophile Granulozyten pro Mikroliter (µl oder auch mm3) Blut. Dieser Wert steigt bei einer akuten Infektion an.


Bei einer Chemotherapie sinkt dieser Wert. Sind weniger als 2000 neutrophile Granulozyten pro Mikroliter Blut vorhanden, so spricht man von einer Neutropenie, bei weniger als 1000 spricht man von einer schweren Neutropenie. Meint man die Gesamtzahl der Leukozyten (weiße Blutkörperchen), so stellen weniger als 4000 Zellen pro Mikroliter eine Leukopenie dar, weniger als 2000 sind eine schwere Leukopenie.


Der nächste Zyklus Chemotherapie kann nur verabreicht werden, wenn diese Blutwerte im unbedenklichen Bereich liegen, wenn sich also die Neutropenie / Leukopenie zurückgebildet hat. Aus diesem Grund ist auch der Therapieerfolg, der damit zusammen hängt, dass die Chemotherapie in der entsprechenden Intensität durchgeführt wird, von der Anzahl der Leukozyten bzw. der neutrophilen Granulozyten abhängig.


Infektionen

Das Absinken der Leukozyten bzw. der neutrophilen Granulozyten ist an sich für den Patienten nicht zu bemerken. Es treten dadurch keine Beschwerden auf. Deshalb sind die Blutbildkontrollen im Rahmen einer Chemotherapie sehr wichtig, da hierbei diese Parameter bestimmt werden.


Liegt eine Neutropenie bzw. Leukopenie vor, üblicherweise etwa 10-12 Tage nach der Chemotherapie, so bedeutet dies für den Patienten, dass eine erhöhte Gefahr besteht, an Infektionen zu erkranken. Die körpereigene Immunabwehr ist geschwächt, so dass auch banale Infektionen, die sonst vom Körper sehr gut kontrolliert werden können, zu einer Gefahr werden.


Um das Risiko für Infektionen möglichst gering zu halten, sollten im Alltag bestimmte "Gefahrenquellen" gemieden werden. Hierzu zählen möglichst Schutz vor Erkältungen und Vorsicht bei kleinen Verletzungen, die sich entzünden könnten. Sobald im Rahmen einer Chemotherapie Symptome einer Infektion auftreten (hierzu gehören erhöhte Körpertemperatur, Schüttelfrost, Durchfälle, Halsschmerzen sowie alle Symptome einer Erkältung oder Blasenentzündung) sollte sofort der behandelnde Arzt informiert werden.


Stammzellmobilisierung

Ein weiteres Einsatzgebiet für den Wachstumsfaktor G-CSF stellt die Stammzelltransplantation dar. Hier tritt ein weiteres Wirkprinzip des G-CSF in den Vordergrund. Bei Gabe von G-CSF werden nicht nur vermehrt neutrophile Granulozyten gebildet, es werden gleichzeitig auch ein Teil der Vorläuferzellen, von denen diese abstammen, aus dem Knochenmark in das periphere Blut "ausgeschwemmt". Diesen Effekt kann man sich zunutze machen, indem aus dem peripheren Blut Stammzellen gewonnen werden können, so dass die Entnahme von Knochenmark in diesen Fällen nicht mehr notwendig ist. Genauer wird dies unter dem Punkt "Knochenmark- bzw. Stammzelltransplantation" erläutert.